Vor ein paar Wochen hat Genet von uns einen Rollstuhl bekommen. Nun haben wir sie besucht und waren sehr gespannt darauf, wie ihr Alltag aussieht.

 

 

Genet Ababu

Wir trafen Genet am 13.09.2005. Die äthiopische Zeitrechnung richtet sich nach dem julianischen Kalender. Das Jahr beginnt am 9. September und hat 13 Monate (12 x 30 Tage und 1 x 5 oder 6 Tage). Für den Grossteil der restlichen Welt fand unser Treffen am 21. Mai 2013 statt. Aber eigentlich beginnt Genets Tag bereits im Gestern. Sie steht auf, wenn ihr Wecker 21 Uhr in der Nacht anzeigt. Mein Handy klingelte an diesem Tag zur selben Zeit, zeigt aber 3 Uhr morgens an. Unsere Uhren sind um sechs Stunden verschoben. Ein neuer Tag beginnt in Äthiopien mit dem Sonnenaufgang. Gemeinsam mit Meron mache ich mich auf den Weg zu Genet nach Hause, um sie durch den Tag zu begleiten.


Ihre Sachen sind gepackt. Genet ist bereit, zur Arbeit zu gehen.

Zusammen mit einer ebenfalls behinderten Wohnpartnerin lebt Genet in einem ca. 7 m2 kleinen Raum. Die Beiden teilen sich das Zimmer und die Miete (300 Äthiopische Birr oder ca. 15 Schweizer Franken im Monat). Nur ganz selten verbringen sie ihre Zeit gemeinsam. 


Für Genets Wohnpartnerin und ihre Freundin, die zu Besuch da ist, ist es noch zu früh aufzustehen.

Genet sagt von sich, dass sie zwei Jobs hat. Zum Einen verkauft sie frühmorgens am Busbahnhof mitten im Mercato, dem grössten Markt Afrikas, kleine Dinge für den alltäglichen Gebrauch. Zum Andern verkauft sie später am Tag Lotterie-Lose. Auf ihrem Weg zur Arbeit kommt sie an der Kirche vorbei, an der sie jeden Tag zum Beten kurz verweilt. Um 4 Uhr morgens sitzt sie dann in ihrem Rollstuhl in der Nähe des Busbahnhofs. Jeden Tag an der genau gleichen Stelle.


So steigt Genet aus ihrer Wohnung. Ihr Rollstuhl steht in der schmalen Gasse.


Auf dem Weg zur Arbeit.

Zusammen mit 7 Geschwistern ist Genet auf dem Land aufgewachsen. Mit 5 Jahren gab es die ersten Anzeichen einer Krankheit. In der Folge kam es zu einer Lähmung der Beine. Erst mit 15 reiste sie nach Addis Abeba und verbrachte da ein Jahr in einem Spital. Eine Diagnose konnte sie uns keine sagen. Genet ist heute 26 Jahre alt. Seit 9 Jahren geht sie ihren zwei Jobs nach. Mit ihrer Familie hat sie regelmässig Kontakt.

Eigentlich ist der Strassenverkauf in Addis verboten. Kommt die Gewerbepolizei vorbei flüchten die VerkäuferInnen mit Hab und Gut in die engen Gassen des Mercato. Für Genet gibt es diese Möglichkeit nicht. Allerdings drückt die Polizei bei Menschen mit einer Behinderung beide Augen zu. So auch heute, zweimal schlenderten Polizisten an uns vorbei. Der Beginn war für Genet schwierig. Oftmals wurde sie bestohlen oder übers Ohr gehauen. Heute, sagt sie, habe sie viel Erfahrung und ihren Stammplatz. Probleme mit den Kunden gäbe es keine mehr. Nur den Sonntagnachmittag nimmt sich Genet frei und am Montag beginnt sie später, denn nach dem Wochenende sind zu viele Gestalten unterwegs, die den Alkohol noch nicht ausgerauscht haben.


Jeden Tag an der genau gleichen Stelle. Genet wird sogar von einem Blinden begrüsst, da er genau weiss, dass sie auch heute wieder da ist.

An einem durchschnittlichen Tag verdient Genet 30 Birr, oder umgerechnet 1.50 Fr. Dazu steht sie ab morgens um vier mit ihrer Ware an der Strasse. Bei schlechtem Wetter geht sie manchmal nach den ersten Stunden nach Hause und macht sich Frühstück und Kaffee. Eine Mittagspause gönnt sie sich jeden Tag. Erst um ca. fünf Uhr abends endet ihr Arbeitstag. Manchmal muss sie aber noch länger bleiben, dann nämlich, wenn am nächsten Tag die Ziehung der Lotterie ist. Alle Lose müssen weg.


Genets Bauchladen ist gut organisiert.

Ihren Standort hat Genet gut gewählt. Die Minibusse bringen die Menschen in Massen zum Busbahnhof. Viele machen noch letzte Besorgungen vor einer langen Fahrt. Seit Genet den Rollstuhl von uns erhalten hat, kann sie ihre Ware auf dem Mercato selber einkaufen. Zuvor war sie auf Hilfe angewiesen, die sie nicht kostenlos erhalten hat. Manchmal, an Schlechtwettertagen, geht sie nachmittags zur Schule. Auch dies ist dank dem Rollstuhl nun möglich. Motiviert dazu wurde sie von einer Sozialarbeiterin, die sich immer wieder um Genet kümmert. Von ihr hat sie auch den Tipp bekommen, sich bei unserer Werkstatt zu melden. Da will sie auch bald einmal wieder vorbeikommen. Sie wünscht sich einen Rollstuhltisch, damit sie ihren kleinen Laden ausbauen kann.


Rushhour in Addis.


Ruhig und routiniert bedient Genet ihre Kunden.

Der Tag endet für Genet zu Hause mit Waschen, Kochen, Essen, Körperpflege. Um acht geht sie ins Bett, denn schon sehr früh beginnt der nächste, arbeitsreiche Tag.

Es gibt keine grossen Träume im Leben von Genet. Sie sagt, nur Gott allein kennt ihr Schicksal. Ihren Alltag aber gestaltet sie mit einer beeindruckenden Gelassenheit und Energie. Uns hat sie mit ihrem strahlenden Gemüt sehr beeindruckt.

Herzlichen Dank, Genet!


Genet bei ihrer zweiten Arbeit, dem Verkaufen der Lotterie-Lose.

 

Und ausserdem:

* Die Verhandlungen mit den Behörden der Region Oromyia konnten abgeschlossen werden. Wir können nun unsere Dienstleistungen auch in den vier Städten Adama (Nathreth), Bishoftu (Debre Zeit), Ambo und Fiche anbieten.


Vertreterinnen und Vertreter der 4 Städte der Region Oromyia nehmen an einer Projekt-Einführungs-Veranstaltung teil.

* Während zwei Wochen hat Lorenz, Mitarbeiter der Firma hock’n roll in Bern, unser Team mit Rat und viel Tat begleitet. Auch diese Form von Unterstützung ist uns sehr willkommen. Sollte sich also jemand aus dem Fachbereich „Rollstuhlversorgung“ für einen ähnlichen Einsatz interessieren, freuen wir uns auf eine Kontaktaufnahme: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.


Lorenz links im Bild und doch mittendrin.

* Ein erstes Ausbildungsprogramm für Menschen mit einer Behinderung konnte erfolgreich durchgeführt werden. Im praktischen Teil des 10-tägigen Programms erlernten die TeilnehmerInnen die Herstellung von verschiedenen Kerzentypen (Unter Anderem der Tuaf, einer traditionellen Gebetskerze). Der theoretische Teil enthielt Grundlagen zum Aufbau und Führen eines Geschäftes (Mikrobusiness).


Die KursteilnehmerInnen in unserer Werkstatt im Einsatz.


Resultate der Ausbildung, im Vordergrund die Tuaf, die lokalen Gebetskerzen.


Übergabe des Zertifikats, nach Abschluss der Ausbildung.

* Das Ersatzteillager wächst. Neben den mehr als 1000 Rollstühlen, die wir seit Projektbeginn eingeführt haben, hat Fred Wyss, unser unermüdlicher Material-Sammler in der Schweiz, viele Ersatzteile in die Container gepackt. Mit grossem Einsatz hat das Team die Ersatzteillager umgebaut und die Teile neu sortiert.


Kleinteillager


Fussstützen, Armlehnen, Greifreifen, Räder

* Ohne Unterbruch gehen natürlich die Rollstuhlversorgung und das Reparieren weiter.  Die folgenden Bilder zeigen einige Beispiele der letzten Wochen. Darunter auch 9 Kinder aus einem Heim, welches Familien mit behinderten Kindern eine Tagesstruktur ermöglicht.

 

Auch in diesem Jahr hat Christine, zusammen mit ihrer Schwester Martina für die 4. Klasse ein Theaterstück inszeniert. In vielen Stunden (Brainstorming, Vorbereitung, Textschreiben, Improvisieren, Proben, Kostüme nähen, Requisiten herstellen und Einladungen kreieren) ist ein Stück voller Poesie und Slapsticks entstanden. Die Kinder waren mit Leib und Seele und vor allem mit einer unbändigen Spielfreude dabei. Das Publikum kam in den Genuss eines Augen- und Ohrenschmauses.

 

Ende März haben wir auch noch eine neue Ecke Äthiopiens kennen gelernt. Die Stadt Harar im Osten des Landes, Weltkulturerbe, bekannt für ihre Altstadt mit über 80 Moscheen. Die Zeit scheint hier stehen geblieben zu sein.


Typischer Innenhof in Harar


Die Umgebung 


Der Kamelmarkt in Babile


In einer Schmiede


Christine und Martina im Salon unseres Guesthouses


Ein kribbliges Erlebnis der besonderen Art: Füttern der Hyänen von Harar

Doch: Ende gut, alles gut!

Christine und Bäne aus Addis Abeba